CSRMs und die Schweiz

Die Schweiz hat kaum eine Geschichte in der Förderung oder Raffination von Rohstoffen, die von der EU und anderen großen Volkswirtschaften als kritisch oder strategisch eingestuft werden (CSRMs) – darunter Seltene Erden, Kobalt, Nickel, Lithium oder Kupfer. Diese Materialien gelangen über Importe in die Schweiz, häufig bereits eingebettet in Halbfertigprodukte wie Kabel, Magnete, Batterien, Halbleiter oder Mikrochips. Infolgedessen ist die Schweiz indirekt Versorgungsunterbrechungen, Preisschwankungen, geopolitischen Schocks und regulatorischen Veränderungen in den Lieferländern ausgesetzt. Ihre Abhängigkeit von der EU – sowie die Abhängigkeit der EU von stark konzentrierten externen Lieferanten wie China – verstärkt diese Verwundbarkeiten zusätzlich. Obwohl die Schweiz tief in europäische Wertschöpfungsketten integriert ist, hat sie als Nicht-EU-Mitglied keinen garantierten Zugang zu gemeinsamen Krisenreaktionsinstrumenten der EU, wie etwa einer koordinierten Notfallbeschaffung.

Die Schweiz verfügt über keine klare Strategie für kritische Rohstoffe

Im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Volkswirtschaften fehlt der Schweiz derzeit eine systematische nationale Bewertung der Rohstoffabhängigkeiten sowie eine kohärente Strategie zur Risikominderung. Gleichzeitig haben steigende geopolitische Spannungen – von sich verschärfenden Handelskonflikten bis hin zu neuen Exportkontrollen in China – das Bewusstsein für Rohstoffrisiken in der Schweiz geschärft.

In den letzten Jahren hat der Bundesrat betont, dass die Versorgungssicherheit in erster Linie in der Verantwortung der Privatwirtschaft liegt. Dies spiegelt den langjährigen und erfolgreichen marktwirtschaftlichen Ansatz der Schweiz wider. Diese Haltung wurde erneut im Bericht des Bundesrates „Versorgung der Schweizer Industrie mit mineralischen Rohstoffen für die Energiewende“ vom Dezember 2024 hervorgehoben, der als Antwort auf das Postulat 20.3950 der Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter („Versorgungssicherheit. Metalle der seltenen Erden. Ressourcenstrategie“) erstellt wurde.


Wer ist verantwortlich?

Der Bundesrat betont, dass die Versorgungssicherheit in erster Linie eine Aufgabe der Privatwirtschaft ist. Von den Unternehmen wird erwartet, dass sie Risiken durch Diversifizierung, Lagerhaltung und Business-Continuity-Management steuern. Diese Haltung steht im Einklang mit dem marktwirtschaftlich geprägten Ansatz der Schweiz, führt jedoch zu mehreren strukturellen Lücken: Unternehmen können firmenspezifische Risiken bewältigen, nicht jedoch systemische oder geopolitische. Zudem sind viele Schweizer Unternehmen kleine und mittlere Betriebe, denen oft die Transparenz über vorgelagerte Konzentrationsrisiken fehlt. Private Akteure können ausserdem regulatorische Schocks (z. B. Exportkontrollen) nicht ausgleichen. Dieser „Market-first“-Ansatz entfernt die Schweiz auch von internationalen Vergleichsländern, die hybride Systeme verfolgen, in denen Marktverantwortung mit strategischer Koordination und staatlich gestützter Vorausschau kombiniert wird.

Die Steuerung kritischer Rohstoffrisiken (CSRMs) in der Schweiz ist durch eine fragmentierte institutionelle Landschaft, eine starke Abstützung auf Marktakteure und das Fehlen einer klar zuständigen Leitbehörde geprägt. Zwar zeigt der Bericht des Bundesrates zahlreiche Aktivitäten in verschiedenen Bundesstellen auf, gleichzeitig macht er aber deutlich, dass es an systematischer Koordination, strategischen Instrumenten und klar geregelten Zuständigkeiten für die Krisenvorsorge fehlt. Das Ergebnis ist ein System, das unter normalen Marktbedingungen gut funktioniert, jedoch schlecht auf geopolitische Schocks, Lieferunterbrüche oder rasche technologische Veränderungen vorbereitet ist.

Am ehesten kommt einer koordinierenden Stelle die interdepartmentale Plattform Rohstoffe nahe, die 2013 vom EDA, EFD und WBF eingerichtet wurde. Ihr Auftrag besteht darin, durch Förderung von Informationsaustausch und Dialog eine integrierte, kohärente und zukunftsgerichtete Rohstoffpolitik sicherzustellen. Allerdings ist die Plattform kein operatives Organ und verfügt über kein Mandat für Risikobewertung, Marktbeobachtung, Krisenkoordination oder strategische Planung.


Ein Wandel im Parlament: Wachsende Besorgnis über die Rohstoffsicherheit

Im Jahr 2025 hat die parlamentarische Aktivität im Bereich kritischer Rohstoffrisiken (CSRMs) deutlich zugenommen und Themen wie nationale Sicherheit, Handelspolitik, Verwundbarkeit von Lieferketten, Forschung sowie geologische Bewertungen berührt. Zu den jüngsten parlamentarischen Initiativen gehören:

  • Interpellation 25.3188 – Kritische Rohstoffe für die nationale Sicherheit und Verteidigung
  • Motion 25.3947 – Versorgungssicherheit mit strategischen Rohstoffen und Halbfabrikaten in Freihandelsabkommen
  • Interpellation 25.4059 – Les terres rares. Un risque stratégique ?
  • Interpellation 25.4420 – Verankerung des Themas kritische Rohstoffe in Politik, Wissenschaft und Ausbildung
  • Postulat 25.4419 – Stärkung der Versorgungssicherheit durch Identifikation kritischer Rohstoffe und Halbfabrikate
  • Interpellation 25.4421 – Charakterisierung von Rohstoff-Lagerstätten von nationalem Interesse

Während die meisten dieser Initiativen letztlich vom Bundesrat abgelehnt wurden, zeigt schon ihr Zustandekommen – und die Breite der behandelten Themen – einen klaren Anstieg der politischen Aufmerksamkeit. Die verstärkte parlamentarische Aktivität spiegelt ein wachsendes Bewusstsein dafür wider, dass die Schweiz in Bezug auf Rohstoffrisiken zunehmend stärker exponiert ist und dass diese Risiken strategischer und dringlicher werden.

Auch ohne unmittelbare gesetzliche Änderungen verdeutlichen die Debatten, dass die Sicherheit bei kritischen Rohstoffen fest auf der politischen Agenda verankert wird und in den kommenden Jahren voraussichtlich ein Thema von nationaler Bedeutung bleiben wird.


Sektoren mit erhöhtem Risiko

Die Schweiz verfügt derzeit nicht über umfassende, landesspezifische Daten, die eine Quantifizierung der Exposition der inländischen Industrien ermöglichen würden. Gestützt auf internationale Erkenntnisse und die industrielle Struktur der Schweiz lassen sich jedoch folgende Sektoren identifizieren, die am ehesten CSRM-Risiken ausgesetzt sind:

Maschinenbau-, Elektro- und Metallverarbeitungsindustrie

Robotik, Automatisierung und Sensortechnologie

Energie- und Mobilitätssektor

Sicherheitsrelevante Bereiche wie Verteidigung und kritische Infrastruktur

Pharmasektor

In all diesen Sektoren ergeben sich die Risiken oft weniger aus der direkten Einfuhr von Rohstoffen selbst, sondern vielmehr aus der Beschaffung von hochentwickelten Komponenten, die kritische Metalle enthalten. Dazu gehören beispielsweise Permanentmagnete mit Neodym und Dysprosium, Batteriezellen, die auf Graphit sowie Kobalt- oder Lithium-Vorprodukte angewiesen sind, Halbleiterbauelemente mit Gallium, Germanium oder Hafnium sowie hochpräzise mechanische Komponenten, die Nickel, Titan oder Speziallegierungen enthalten.

Die Abhängigkeit der Schweiz ist somit in der internationalen Produktion technologisch anspruchsvoller Unterkomponenten „eingebettet“, deren Lieferketten stark geografisch konzentriert sind.


Die Vorteile der Schweiz

Trotz ihrer Verwundbarkeiten verfügt die Schweiz über mehrere strukturelle Stärken, die die Auswirkungen von Versorgungsschocks abfedern können:

Industriestruktur mit geringem Volumen und hoher Wertschöpfung: insgesamt geringer Materialverbrauch in der Industrie, konzentriert auf spezialisierte, hochwertige Nischen;

starke Kaufkraft und ausgezeichnete Kreditwürdigkeit, was den Zugang zu knappen Rohstoffen auch in angespannten Märkten erleichtert;

ein erstklassiges Forschungs- und Innovationsökosystem, das Fortschritte in der Materialwissenschaft, Substitutionsforschung und in hocheffizienten Technologien ermöglicht.

Diese Vorteile können Risiken nicht beseitigen, verschaffen der Schweiz jedoch im Vergleich zu Ländern mit großen, ressourcenintensiven Industrien eine größere strategische Flexibilität.

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