Lithium und Seltene Erden werden bald wichtiger sein als Öl und Gas.
Ursula von der Leyen, September 2022

CSRMs: Das Fundament moderner Systeme
Die Aussage von Frau von der Leyen bringt einen grundlegenden Wandel auf den Punkt: Rohstoffe, die früher als unbedeutend galten, bilden heute das Fundament der globalen Wirtschaft – und verändern Industriepolitik, Sicherheitsstrategien und geopolitische Beziehungen.
Kritische und strategische Rohstoffe (CSRMs) sind unverzichtbar für eine moderne, hochtechnologische und dekarbonisierende Wirtschaft. Ohne einen sicheren und bezahlbaren Zugang zu diesen Materialien können Technologien für Digitalisierung, saubere Energie, Mobilität und moderne Verteidigung nicht funktionieren. Mit der zunehmenden Elektrifizierung und digitalen Transformation steigt die weltweite Nachfrage nach vielen CSRMs rasch an. Gleichzeitig haben veränderte geopolitische Rahmenbedingungen und stark konzentrierte Lieferketten die Frage der Versorgungssicherheit ganz nach oben auf die politische Agenda gebracht.
Wie „Kritikalität“ bestimmt wird
Es gibt keine allgemein anerkannte Definition dafür, was „kritische“ oder „strategische“ Rohstoffe sind. Länder bewerten Materialien unterschiedlich, abhängig von ihren Prioritäten, ihrer Industriestruktur und ihren strategischen Zielen. Je nach Perspektive – ob Endnutzer, Hersteller oder Lieferanten – können diese Kriterien sehr unterschiedlich gewichtet werden.
Viele Länder führen zudem Kriterien ein, die die Bedeutung eines Rohstoffs für prioritäre Sektoren berücksichtigen. So gilt in der EU ein Rohstoff nicht nur als kritisch, sondern auch als „strategisch“, wenn er für einen der folgenden Bereiche relevant ist: EU strategic sectors including renewable energy, digital, aerospace and defence technologies.
Die meisten Kritikalitätsbewertungen kombinieren zwei zentrale Dimensionen:
Wie verwundbar ist der Zugang aufgrund von Importabhängigkeit, Produktionskonzentration oder geopolitischer Exponiertheit?

Wie wesentlich ist ein Material für Schlüsseltechnologien oder strategische Sektoren?
Für eine umfassende Bewertung von 10 internationalen CSRM-Strategien siehe: IRTC (2025), Global Assessments and Strategies for Critical and Strategic Raw Materials: The State of Play in 2025.
Die Rolle der Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaft ist nicht nur eine ökologische, sondern auch eine Resilienzstrategie, da sie die Abhängigkeit von stark konzentrierten Primärlieferketten reduziert. Eine gut gestaltete Strategie der Kreislaufwirtschaft (Circular Economy, CE) kann an beide Seiten, Angebots- und Nachfrageseite, bei kritischen Rohstoffen (CSRMs) adressiert sein.

Abbildung 3: Eine Darstellung der Lebensdauer eines Rohstoffs, die entweder mit der Entsorgung bzw. der Diffusion endet oder in einer der „Re-Phasen“ mündet, wodurch der Rohstoff im Wirtschaftssystem gehalten wird. [Quelle: ForCYCLE].
Erhöhung des Angebots durch sekundäre Quellen
Sekundärbeschaffung – also die Rückgewinnung von Materialien aus Produkten am Ende ihres Lebenszyklus, industriellen Rückständen oder Produktionsabfällen – kann das verfügbare Angebot an kritischen Rohstoffen (CSRMs) erheblich erhöhen. Metalle wie Kupfer, Aluminium, Nickel, Kobalt, Platingruppenmetalle und Seltene Erden können dabei mit hoher Qualität zurückgewonnen werden. Da immer mehr Produkte das Ende ihrer Nutzungsdauer erreichen (insbesondere Batterien, Elektronik, Permanentmagnete und Komponenten der erneuerbaren Energien), wird das Volumen sekundärer Materialien stetig wachsen. Derzeit können sekundäre Quellen die steigende Nachfrage noch nicht decken, was vor allem an langen Produktlebenszyklen und dem langsamen Austausch von Technologien wie Fahrzeugen oder Energieinfrastruktur liegt. Ab den 2030er-Jahren werden sie jedoch voraussichtlich zu einem zunehmend wichtigen Bestandteil der globalen Versorgung werden.
Reduzierung der Nachfrage durch zirkuläre Kreisläufe
Über das Recycling hinaus gibt es weitere Strategien der Kreislaufwirtschaft, die den Bedarf an Primärrohstoffen direkt senken:

Materialeffizienz
Produkte so zu gestalten, dass sie weniger oder weniger kritische Materialien verwenden (z. B. kleinere Elektrofahrzeuge statt SUVs; geringerer Einsatz seltener Erden in Motoren).

Wiederverwendung & Umnutzung
Verlängerung der Produktlebensdauer oder „zweite Nutzung“ von Komponenten (z. B. Wiederverwendung von Elektrofahrzeugbatterien für stationäre Energiespeicherung).

Reparatur & Aufarbeitung
Produkte länger im Umlauf zu halten und den Bedarf an neuen Materialeinsätzen hinauszuzögern (z. B. durch Reparierbarkeit oder langlebiges Design).

Wiederaufbereitung
Wiederaufbau von Produkten unter Verwendung bestehender Komponenten (z. B. Motoren, Getriebe und Starter in der Automobilproduktion).

Neue Geschäftsmodelle
Produkt-Sharing oder „Product-as-a-Service“, wodurch die insgesamt benötigte Anzahl an Einheiten reduziert wird (z. B. gemeinsam genutzte Waschmaschinen oder Werkzeug-Abonnements).
Zusammen können diese Ansätze den Druck auf Primärressourcen verringern, Emissionen und Abfälle reduzieren sowie die Widerstandsfähigkeit gegenüber Lieferunterbrechungen erhöhen.
CSRMs und Verteidigung: Eine wachsende Verknüpfung
Verteidigung als wachsender Großverbraucher
In den letzten Jahren – insbesondere seit Beginn des russischen Krieges in der Ukraine – hat sich der Verteidigungssektor rasch von einem eher nachrangigen Nachfragesektor für kritische Rohstoffe (CSRMs) zu einem Treiber von Nachfrage und Aufmerksamkeit entwickelt. Die NATO-Bewertung von 2024 zu verteidigungsrelevanten kritischen Rohstoffen veranschaulicht diesen Trend:

Figure 6: Versorgungsrisiko bei kritischen Rohstoffen (CSRM) für militärische Anwendungen gemäß NATO (2024). Hinweis: Die Analyse konzentriert sich ausschließlich auf Waffensysteme und schließt digitale Werkzeuge, Basistechnologien sowie andere nicht-waffenbezogene Bereiche aus..
Hoher Materialverbrauch in Konflikten
Moderne Waffensysteme sind auf Materialien wie Graphit, Wolfram, Antimon, Tantal, Silber und Seltene Erden angewiesen. In Konfliktsituationen werden diese Materialien jedoch zerstört bzw. verstreut und damit faktisch unzugänglich: Einmal in Raketen, Drohnen oder Munition verwendet, können sie nicht wieder in die Lieferkette zurückgeführt werden.
Auswirkungen auf zivile Lieferketten
Militärische und zivile Technologien greifen zunehmend auf dieselben kritischen Materialien zurück – nicht nur für Waffensysteme, sondern auch für Batterietechnologien, digitale Werkzeuge und Dateninfrastrukturen, die wiederum aus einer kleinen Anzahl globaler Lieferanten stammen. Diese „Dual-Use“-Verwendung von Materialien erhöht den Druck auf ohnehin angespannte Lieferketten und erschwert langfristige Planungen für industrielle Transformation, Dekarbonisierung, den Einsatz ziviler Technologien sowie die Verteidigungsbereitschaft. Das Ergebnis ist eine engere Verknüpfung zwischen Sicherheitspolitik und den materiellen Grundlagen der Energiewende und der digitalen Transformation.